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2017-01-23
Buch über "polnische Konzentrationslager" - Bericht aus dem Autorentreffen

Über die polnischen "Konzentrationslager" darf man nicht sprechen. Wenn ausländische Journalisten oder Staatsführer diese Worte in Ihren Aussagen verwenden, macht sich in Polen eine Entrüstung breit. Das selbe betrifft das Buch von Marek Łuszczyna „Mała Zbrodnia. Polskie obozy koncentracyjne“.

Polen ärgern sich zu Recht, wenn man über Konzentrationslager spricht, die im zweiten Weltkrieg tätig waren und die von Nationalsozialisten erschaffen und beaufsichtigt wurden. Immer noch unbekannt, oder manchmal - was noch schlimmer ist - vergessen, sind jedoch die Lager aus der polnischen Nachkriegszeit. Das Thema ist in Polen wenig bekannt, manchmal sogar absichtlich weggelassen. Viele Wissenschaftler, Soziologen und Historiker sind der Meinung, dass das fehlende Wissen zu Problemsteigerung führt. In diesem Fall bewahrheitet sich das. Publikationen oder Feierlichkeiten, die mit dem Thema der polnischen Lager verbunden sind, werden einfach negativ empfunden. Umso mehr gehen der Promotion des Buches von Marek Łuszczyn unter dem Titel „Mała zbronia. Polskie obozy koncentracyjne“ (Kleines Verbrechen. Polnische Konzentrationslager) viele Emotionen einher. Am 18. Januar gab es an der Schlesischen Universität in Kattowitz ein Diskussionstreffen über das Buch, das im Januar seine Premiere hatte.

                                     

Buch aus Wut

„Das Buch entstand aus Wut, da ich als Person, die sich für dieses Thema interessiert, immer wieder irregeführt wurde. Man wollte auf jeden Fall beweisen, dass mit der Vergangenheit tiefgründig abgerechnet wurde. Und es stellt sich heraus, dass etwas ausgelassen wurde, sondern man hat einfach gelogen. Ein derartiges Verschweigen finde ich nicht richtig“, sagt Marek Łuszczyna, Autor des Buches, polnischer Journalist und Reporter. Sein Buch sorgt für große Emotionen. Die Aufgabe, die er auf sich genommen hat, war nicht leicht: „Oft hatte ich mit einer, sagen wir mal, Unwahrheitsreaktion zu tun gehabt. Das heißt, dass Menschen, die davon wussten, dass solche Lager existierten, darauf bestanden, dass man sie nicht als Konzentrationslager bezeichnet oder dass es am besten wäre darüber überhaupt nicht zu reden, dass man dieses Thema nur als Episode ansieht. Man sollte diese Lager einfach als Nachkriegszeit-Lager bezeichnen, die doch in ganz Europa tätig waren und obdachlosen Menschen geholfen haben“. Marek Łuszczyna betont, dass seine Rechercheprobleme mit dem Buch komplex waren: „Angefangen bei einfacher Abneigung gegen die Deutschen und der Äußerung, dass sie es sich doch verdient haben, bis hin zu geschichtlich-intellektuellen Erkundigungen“

 

Historische Zweifeln 

Das Buch von Marek Łuszczyna sorgt nicht nur für Kontroverse, sondern auch für Zweifel bei Historikern. Bei dem Diskussionstreffen in Kattowitz haben diese unterstrichen, dass es ein Missbrauch sei diese Lager als Konzentrationslager zu definieren. „Es gab sowohl Lager, die der Aussiedlung der Bürger deutscher Abstammung dienten, als auch Lager der Zwangsarbeit. Diese zwei Kategorien von Lagern wurden durch damalige Behörden geschaffen. Dann gab es noch Lager, die von sowjetischen Behörden geschaffen wurden.“, so Dr. habil. Kazimierz Miroszewski, Mitdiskutant. Seiner Meinung nach ist es nicht ganz korrekt die Lager aus der polnischen Nachkriegszeit als Konzentrationslager zu bezeichnen, da die Definition eines Konzentrationslagers sich in den Jahren verändert haben sollte: „Die polnische Gesellschaft assoziiert Konzentrationslager mit den Lagern aus dem zweiten Weltkrieg. Diese Bezeichnung ist negativ. Deswegen darf man ohne Erklärung einen Lager aus der Nachkriegszeit einfach als Konzentrationslager nicht klassifizieren. Das ist falsch. Die Bezeichnung „Konzentrationslager“ entstand zu Zeiten noch vor dem zweiten Weltkrieg wo beispielsweis in Spanien oder Großbritannien diese Lager als Haftanstalt für Aufständischen dienten. Von den Deutschen nahm diese Bezeichnung noch eine ganz andere Dimension an. Deswegen ist es falsch heutzutage einfach zu sagen, dass das polnische Konzentrationslager waren“. Einer anderer Meinung ist der Buchautor, Marek Łuszczyna. Er nennt drei Gründe warum er sein Buch so betitelte: „Der erste Grund das ist das alles, was ich von den Opfern, die in diesen Lagern waren, gehört habe. Zweitens – ich habe mich mit der Definition eines Konzentrationslager befasst und diese passt wie angegossen zu diesen Lagern. Drittens – wenn etwas schändlich ist und jahrelang verschweigt wird, dann wird ein Thema hyperbolisiert, wenn jemand das endlich laut sagt“.

 

Dunkles Kapitel für unreife Gemeinschaft?

Zu den Referenten des Diskussionstreffen gehörten auch Piotr Bassan, Vertreter der deutschen Minderheit und Dr. Jerzy Gorzelik aus der Bewegung für Autonomie Schlesiens. Für Oberschlesier ist das Thema am wenigsten schockierend, im Gegenteil zu Menschen außerhalb: „Ein Durchschnittsbürger außerhalb Schlesiens hat zum ersten Mal die Chance über solche eine Erscheinung, also über Orte, wo Menschen deportiert wurden, die für nicht-polnische Identität verdächtigt wurden, zu lesen. Hier in Oberschlesien war es besonders zu spüren, deswegen kämpfen wir darum, dass es nicht mehr verschweigt wird. Für einen Durchschnittspolen ist es jedoch ein absolut unbekanntes Thema. Und das was Unbekannt ist, erweckt Furcht und Angst. Der Pole ist doch in der dominierenden Geschichte Polen immer ein Opfer und nicht der Henker und auf einmal stellt sich heraus, dass diese Rollenaufteilung anders aussehen konnte. Umso mehr – dass eine Person in verschiedenen Situationen einmal das Opfer und einmal der Rächer ist“. Jerzy Gorzelik ist besorgt, dass wenige Menschen außerhalb Oberschlesiens sich für dieses Thema und dieses Buch interessieren werden und zweitens – dass das Thema unterschätzt wird: „Das ist eine Wahrheit, die zweifellos für einige schwer anzunehmen wird. Aber eine reife Gemeinschaft muss auch diesem dunklem Geschichtskapitel gegenübertreten können“.

 

ap